Wie sind Sie zum Treideln gekommen?
Martin Deflorin: Da muss ich etwas ausholen: Als 1998 die bayerische Landesgartenschau in Neumarkt i.d.OPf. stattfand, wollte man als Besucherattraktion Treidelschiffe auf dem historischen Ludwig-Donau-Main-Kanal fahren lassen. Zwei Schiffe, die „Elfriede“ und die „Alma Viktoria“, wurden dafür fit gemacht. Dann brauchte man jemanden, um sie zu fahren. Die Verantwortlichen sind auf meinen Stiefvater zugekommen, der Kaltblutpferde hatte. Als die Schau vorbei war, hat die Gemeinde Mühlhausen die „Alma Viktoria“ auf Initiative des damaligen Bürgermeisters hin gekauft. Die Idee war, an der Schleuse 25 bei Mühlhausen wieder zu treideln. Das Schiff wurde restauriert und neue Schleusentore in Auftrag gegeben. Doch niemand konnte mehr richtig schleusen, auch mein Stiefvater nicht. Zum Glück gab es noch einen Zeitzeugen, der hat es ihm gezeigt. Ich habe dann am 1. Januar 2017 den Betrieb von meinem Stiefvater übernommen.
Was macht die Treidelfahrt zu einem besonderen Erlebnis?
Martin Deflorin: Das Naturschauspiel, wie sich der Kanal in die Gegend einfügt. Zu realisieren, wie der Kanal im 19. Jahrhundert zu 85 Prozent mit Handarbeit gebaut wurde. Das Zusammenspiel von Wasser, Pferd und Natur, die geräuschlose Fortbewegung. Viele Gäste sagen nach der Fahrt: „Das ist richtig entschleunigend."
Apropos entschleunigend. Wie schnell – oder langsam – ist man denn unterwegs?
Martin Deflorin: In einem schönen Spazierschritt, mit etwa drei km/h. Eigentlich je nachdem, wie das Pferd läuft.
Das Pferd entscheidet?
Martin Deflorin: Na ja, die Tiere sind nicht dumm. Wenn sie es öfter gemacht haben, merken sie: Je mehr ich das Schiff am Schwimmen halte, desto weniger Kraftaufwand ist nötig. Immer wieder sagen Leute: „Was, nur ein Pferd soll das große Schiff ziehen?“ Aber das ist gar kein Problem.
Wie kommt das?
Martin Deflorin: Das liegt an der Bauart des Schiffes. Es ist ganz flach. Leer hat es ein Gewicht von 16,5 Tonnen, bis zu 120 Tonnen kann man zuladen. Dann hat es einen Tiefgang von maximal 70 Zentimetern. Mit 50 Leuten an Bord sind es vielleicht 15 bis 25 Zentimeter. Es hat total wenig Widerstand. Das sieht man an dem 28 Meter langen Seil, mit dem die Pferde es ziehen: Es hängt während der Fahrt durch und ist nie auf Vollspannung. Ich kann das Schiff mit Manneskraft aus der Schleuse ziehen – und ich bin kein Gladiator!
Die „Alma Viktoria“ ist ein historisches Schiff?
Martin Deflorin: Ja, sie wurde 1933 in der Werft in Regensburg gebaut. Wir haben einen Boden und Sitze eingebaut. Faszinierend für mich ist, was die damals gebaut haben. Das Schiff ist zum Beispiel aus einem extrem harten Stahl. Die Schleusen und die Schleusentore funktionieren seit 25 Jahren fast wartungsfrei. Vielen Ortsansässigen ist gar nicht bewusst, was wir hier mit dem Kanal für ein großartiges Technikdenkmal haben. Die Wege am Ufer sind auch top gepflegt, man kann zum Beispiel auch mit dem Rad von Bamberg bis Kelheim am Kanal entlangfahren.
Oder eine Treidelfahrt bei Ihnen machen. Wie läuft die Veranstaltung ab?
Martin Deflorin: Die Leute reisen an die Schleuse 25 an, entweder im Rahmen eines der monatlichen Termine oder als Gruppe. Sie steigen ein, wir schleusen ab und fahren die 2,5 Kilometer bis nach Pollanten. Dort wende ich das Pferd, wir fahren zurück und schleusen wieder auf. Danach kommen viele zu uns in die Kutscheralm zum Mittagessen, zu Kaffee und Kuchen oder zur Brotzeit. Die Bewirtung gehört für uns mit dazu. Sonntags gibt es ab 14 Uhr Kaffee und Kuchen, ansonsten öffnen wir, wenn sich Gruppen anmelden, auch für kleinere Gruppen ab zehn Leuten. Manche buchen danach noch eine Planwagenfahrt oder machen eine Stallführung bei uns in der Pferdezucht.
Wie ist das alles zu schaffen?
Martin Deflorin: Es ist nur möglich, weil wir ein Familienbetrieb sind, weil Freunde und Bekannte uns helfen, weil die Gemeinde Mühlhausen und die Stadt Berching uns unterstützen. Es ist wirklich ein tolles Zusammenspiel, weil so viele Leute sagen: Das ist erhaltenswert.
Und für Sie persönlich? Ist es zur Routine geworden?
Martin Deflorin: Du kannst die 100. oder 500. Treidelfahrt gemacht haben, irgendwie ist es auch für uns immer wieder ein Erlebnis. Es hat ein ganz besonderes Flair. Wir haben auch Besucher, die schon die zweite oder dritte Fahrt mit uns gemacht haben und wir hatten schon Gäste, die zwei Wochen in Berching verbracht haben und in dieser Zeit dreimal getreidelt haben.